Gemeindereferentinnen Bundesverband

Der ewige Stuhlkreis

von Dr. Werner Kleine

Oder: Sitzt ihr noch, oder verkündet ihr schon? 

Der Zauber, der dem Anfang innewohnt, entfaltet sich für viele auch beim Jahreswechsel. Die bloße Änderung einer Ziffer am Ende der Jahreszahl ist Anlass genug für Rückblicke, Bilanzen, Vorsätze und Verheißungen. Dass es sich dabei allzu oft nur um einen faulen Zauber handelt, dessen Verheißungen schon bei Sonnenaufgang die ersten Anzeichen von Verwesung zeigen, nimmt dem fast schon magischen Ritual nichts von seiner immer wiederkehrenden Macht. Schließlich ist es das Wesen der Bilanz, dass sie Vergangenes aufrechnet, um auf dieser Basis eine Prognose zu entwickeln. Merkwürdig nur, dass der Mensch dazu neigt, aufgrund einer Jahresbilanz, die das Scheitern seiner vorjährig gefassten Vorsätze einberechnen müsste, oft dieselben Vorsätze prognostisch neu aufstellt: Diesmal, diesmal wird alles besser ...

 Gratia supponit naturam

 Was die gemeinen Zeitgenossen in ihrer Bilanz übersehen, ist freilich der Faktor Mensch und die ihm eigene Trägheit. Schon das erste newtonsche Axiom besagt, dass

 ein Körper in Ruhe oder in gleichförmiger geradliniger Bewegung bleibt, solange die Summe der auf ihn wirkenden Kräfte null ist.

 Wenn sich also innerhalb eines Systems nichts ändert, ändert sich tatsächlich nichts. Die systematische Trägheit treibt immer in die gleiche Richtung. Veränderung wäre nur möglich, wenn ein neuer Impuls hinzukäme, etwas, das bisher nicht Teil des Systems ist, der die Trägheit der Bewegung verstört, ihr eine neue Richtung gibt, sie aber auch ebenso zum Stillstand bringen oder umkehren kann. Nur so lange sich nichts ändern, verändert sich nichts!

 Allein aus naturgesetzlichen Gründen kann es daher eigentlich nicht verwundern, dass gut gemeinte Vorsätze Vorsätze bleiben. Der Mensch liebt die Veränderung nicht wirklich. Veränderung bedeutet Ausbruch aus der Gewohnheit, Veränderung und Verantwortung. Ob das, was kommt, besser ist als das, was war, kann niemand sagen. Bei dem, was war, weiß man aber, was man hat. Damit kann man umgehen. Das Abenteuer kann gefährlich sein, die Langeweile garantiert Sicherheit. Im Sessel ist noch niemand vom steilen Pfad des Lebens gestürzt.

 Der ewige Kreis

 Vielleicht liegt hier der Grund, dass viele Religionen den Kreis der ewigen Wiederkehr als inneres Moment beherbergen. Der Kreis festigt. Die Trägheit wirkt sich in einer Kreisbewegung noch einmal auf besondere Weise aus. Einen um sich selbst kreisenden Körper aus der Ebene zu bringen, in der sich der Drehimpuls befindet, kostet erhebliche Kraft. Die Kreisbewegung ist gerade wegen des ihr innewohnenden Trägheitsmomentes äußerst stabil. Sie ist berechenbar. Man kann vorhersagen, was passiert: So wie die Sonne ihren Kreis vollendet und jeden Morgen neu aufgeht, so fasst auch der Mensch am Jahresende immer die gleichen Vorsätze. Das hat Prinzip, ist verlässlich und gibt Sicherheit. Der ewige Kreis ist langweilig, aber bietet eben Beschäftigung. Man kann sich Vorsätze nehmen, darüber ärgern, dass man die Vorsätze nicht erfüllt hat, die Vorsätze schließlich vergessen, um sie sich dann wieder neu zu stellen.

 Auch die Kirche der Gegenwart hat die stabilisierend-sedierende Wirkung des Kreises für sich entdeckt. Der Stuhlkreis wird zum Symbol eines beschworenen Aufbruchs, der aber nie über die Grenzen des kreisbegrenzten Systems hinausgehen wird. Die im Kreis Gefangenen befinden sich schließlich auf ekklesiostationären Bahnen, bei der sich zentrifugale und zentripetale Kräfte ausgleichen. So stürzt die Kirche zwar nicht zusammen, sie hat aber auch keine über sie hinaustreibenden Kräfte. Das System ist in sich völlig stabil. Deshalb lieben die Bischöfe der Gegenwart den Stuhlkreis. Er suggeriert eine Bewegung, ohne dass die Bewegten bemerken, dass sie sich im Kreis bewegen. Er suggeriert Fortschritt, ohne dass die Bekreiselten merkten, dass die Ergebnisse vorhersehbar sind. Und damit einem bei aller um sich selbst kreisenden Beschleunigung nicht schwindelig wird, wird immer wieder Entschleunigung beschworen: Es soll sich etwas verändern, aber nicht so schnell - am besten vielleicht aber auch gar nicht. Ein Kreis ist immerhin ein Kreis: Unendlich, vollkommen und eins - so wie die Kirche eins sein soll!

 Heute ist nie die Zukunft

 Es ist absolut kein Zufall, dass der noch relativ neue Bischof von Aachen, Helmut Dieser, ausgerechnet in seiner Sylvesterpredigt[1] einen synodalen Prozess ankündigt. Er habe erkannt,

 „dass (...) [er] für das Bistum sorgen muss und zwar dadurch, dass (...) [er] Gelegenheit schaff[t], die gemeinsame Spur zu finden“[2].

 Die so intendierte Spurensuche umfasst einen Gesprächs- und Veränderungsprozess in drei „Schleifen“ mit - oh Überraschung - „sich wiederholenden Vorgehensweisen“. Der ganze Prozess ist auf die Dauer von drei Jahren konzipiert[3].

 Bischof Dieser, der mit solchen „synodalen“ Prozessen bereits als Weihbischof im Bistum Trier Erfahrung gemacht hat, schließt sich damit dem Kreis einer Reihe von (Erz-)Bischöfen an, die in ihren (Erz-)Bistümern zu solchen Prozessen aufgerufen haben: Essen, Trier, Limburg, Köln, Hamburg - die Bezeichnungen ändern sich bisweilen. Meist ist auch von „Zukunft“ die Rede, also von einem eher fernen Morgen, nie vom „Heute“. Und meist ist der Stuhlkreis das Mittel der Wahl. Ein Fortschritt auf der Kreislinie bringt einen nie an ein Ziel. So kann die Verheißung bleiben, was sie ist - Verheißung eben.

 

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[1] Gemeint ist wahrscheinlich die Predigt in der Jahresschlussmesse. Der Gedenktag des hl. Sylvester entfiel im Jahr 2017 wg. der Kollision mit dem Fest der Heiligen Familie - gleichwohl sprechen alle, auch die innerkirchlichen Medien von der „Sylvesterpredigt“ Bischof Helmut Diesers.

[2] Zitiert nach: katholisch.de, Bischof Dieser kündigt Veränderungsprozess an, 1.1.2018, Quelle: http://www.katholisch.de/aktuelles/aktuelle-artikel/bischof-dieser-kundigt-veranderungsprozess-an [Stand: 7. Januar 2018].

[3] Vgl. hierzu katholisch.de, Bischof Dieser kündigt Veränderungsprozess an, 1.1.2018, Quelle: http://www.katholisch.de/aktuelles/aktuelle-artikel/bischof-dieser-kundigt-veranderungsprozess-an [Stand: 7. Januar 2018].