Gemeindereferentinnen Bundesverband

Zur Ortssuche religionspädagogischer Berufsbilder in einer Kultur der Digitalität

von Wolfgang Beck

Längst haben die massiven Strukturmaßnahmen in den meisten deutschen Diözesen zu intensiven Überlegungen hinsichtlich der Bestimmung pastoraler Berufsbilder geführt. Es fällt auf, dass diese aus der institutionellen Krise und den gesellschaftlichen Säkularisierungsprozessen erwachsenen Impulse eine sehr viel stärkere Prägekraft für die Berufsprofile entfalten als die theologischen Reflexionen vorheriger Jahrzehnte. Der starke Rückgang der Zahlen von Studierenden der Theologie und der Religionspädagogik im 21. Jahrhundert löst Diskussionen über eine Verbreiterung der Zugangswege zu den pastoralen Berufen aus. Finanzielle Engpässe in einzelnen Diözesen haben mancherorts zur faktischen Abschaffung von Ausbildungswegen und Berufsbildern geführt. Und nicht zuletzt sind die Milieuverengungen innerhalb pastoraler Berufsgruppen häufig ein Spiegelbild gemeindetheologischer Ernüchterungen. Diese Parameter sind kontinuierlich zu reflektieren, zugleich ist jedoch in einer weiteren Perspektive nach neuen, positiv zu erschließenden Gestaltungsräumen zu fragen, die sich unter anderem in einer Kultur der Digitalität ergeben.

1. Veränderung pastoraler Berufsbilder.

Schon vor dem Hintergrund dieser knapp skizzierten Facetten des gegenwärtigen Veränderungsdrucks erklärt sich, dass sowohl auf Ebene der Diözesanleitungen wie auch innerhalb der Berufsgruppen nach einer Bestimmung von pastoralen Berufsbildern im 21. Jahrhundert gesucht wird. Kirchliche Strukturmaßnahmen verändern die Profile pastoraler Berufe. Das wird offensichtlich, wenn bisherige Tätigkeiten, wie z.B. kinder- und jugendpastorale Angebote oder Kurse in der Sakramentenpastoral nicht mehr nur in einer Gemeinde, sondern in einer Großpfarrei mit einer Vielzahl von Kirchorten, im Kontakt mit vielen Ehrenamtlichen und unübersichtlich großen Zahlen an Teilnehmer*innen stattfinden soll oder nach neuen Vernetzungen zwischen gemeinde- und kategorialpastoralen Arbeitsfeldern gefragt wird. Die nahräumliche Begleitung in Seelsorge und Pastoral unter dem Ideal der Vertrautheit wird da schnell abgelöst durch organisatorische Tätigkeiten der Koordination, die meist noch mit idealisierten Konzeptionen der Begleitung von Ehrenamtlichen kombiniert wird. Auch die Gemeindereferent*innen sollen dabei zu „Ermöglicher*innen“ werden, bei denen das Haupttätigkeitsfeld in der Entdeckung ehrenamtlicher Charismen, der Förderung von Kompetenzen und der Unterstützung von Prozessen liegt. Es wird niemanden verwundern, dass viele Akteur*innen hier ihr vertrautes Berufsbild kaum wiedererkennen und die Attraktivität kategorialer Arbeitsfelder verlockend erscheint. Natürlich gibt es auch diejenigen, die Veränderungen als Aufbruch selbst mitgestalten. Zugleich können sich zwar viele für das Identitätsmodell innovativer „Ekklesiopreneure“ begeistern, allerdings entwickelt nur ein relativ kleiner Teil der verschiedenen Berufsgruppen daraus auch eigene Konkretionen. Und so verbindet sich die Frage nach Tätigkeitsspektren und Berufsprofilen mit der Bestimmung von Schlüsselqualifikationen. Die Flucht in überholte Gemeinderomantik der 1970er-Jahre überzeugt hierbei genauso wenig, wie die Orientierung von Klerikern an vormodernen Identitätskonstruktionen des 19. Jahrhunderts. Beides wirkt bestenfalls kurios und unzeitgemäß. Zweifellos ist die Weiterentwicklung von Berufsprofilen Bestandteil aller Gesellschaftsbereiche und intragenerationaler Wandlungsprozesse. So gehört nicht nur die bruchlose Berufsbiographie der Vergangenheit an, sondern auch die Vorstellung eines gleichbleibenden Aufgabensettings innerhalb des Berufs, so dass lebenslanges Lernen zur breit akzeptierten gesellschaftlichen Selbstverständlichkeit geworden ist. Für kirchliche Berufsgruppen entspricht dies jedoch eben nicht nur dem Anliegen der Professionalität, sondern ist gerade aufgrund einer immer wieder vorzunehmenden theologischen Vergewisserung als Fragen nach den Zeichen der Zeit und dem Anliegen einer Kirche als lernender Organisation (Gaudium et spes 44) Grundlage des christlichen Selbstverständnisses. Vor diesem Hintergrund muss verwundern, wenn Veränderungsdruck vor allem aus innerkirchlichen Strukturprozessen und weniger aus gesellschaftlichen Veränderungen erwächst! Da sich mit der ekklesiologischen Selbstvergewisserung im Zweiten Vatikanischen Konzil ein grundlegender Ortswechsel (Hans-Joachim Sander) ereignet und die Vorstellung einer Gegenüberstellung von Kirche und Gesellschaft zugunsten einer tiefgreifenden zeitgenössischen Solidarität überwunden werden konnte, kommt gesellschaftlichen Prozessen unumgänglich auch eine kirchliche und theologische Prägekraft in Absetzung zu kulturpessimistischen Ressentiments zu.


2. Medien sind mehr als Medien – Kulturfragen

Natürlich sind hier auf der Basis soziologisch-gesellschaftswissenschaftlicher Analysen verschiedene Entwicklungen aufzugreifen, wie etwa die massiven Urbanisierungsprozesse mit ihren heilsam verunsichernden Effekten , den Erfahrungen der Unübersichtlichkeit und des Verlustes von Eindeutigkeiten , den Überforderungserfahrungen durch Beschleunigung , Elemente des modernen Biographiedesigns und der Multioptionierung  mit ihren kirchlichen Effekten . Die hier nur schlagwortartig benannten Phänomene firmieren in der Regel unter der Überschrift einer durchgeführten Moderne. Von besonderer Bedeutung erscheint seit Beginn des 21. Jahrhunderts jedoch die Ausbildung einer „Kultur der Digitalität“ , wie sie von dem Soziologen Felix Stalder skizziert wird. Mit ihr sind grundlegende gesellschaftliche Verschiebungen beschrieben, die Stalder mit den Phänomenen der „Referenzialität“, der „Gemeinschaftsbildung“ und der „Algorithmizität“ nachzeichnet.

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