Gemeindereferentinnen Bundesverband

von Regina Nagel

Missbrauch in der katholischen Kirche

Ich denke, es war im Jahr 2010, als die Referentin bei einer Veranstaltung zum Thema „Missbrauch in der kath. Kirche“ fragte, ob es in der Teilnehmerrunde Betroffene gäbe – nicht unbedingt mit Missbrauch seitens kirchlicher Mitarbeiter, sondern überhaupt. Zuvor hatte sie erläutert, dass Missbrauch bei von Kindern ungewollten Zärtlichkeiten anfängt oder auch beim Zeigen von Pornoheften. Nun ja, dachte ich, dann bin ich auch betroffen. Ich erinnere mich, wie ein Nachbar mir als Jugendlicher und seiner fünfjährigen Tochter in seinem Schlafzimmer ein Pornoheft gezeigt hat, als ich den kleinen Sohn nach dem Mittagsschlaf aus dem Gitterbettchen holen wollte. Ich als wohlbehütete Schülerin eines kath. Mädchengymnasiums hatte so was noch nie gesehen und war wie erstarrt.  Eine Weile nach dieser Fortbildungsveranstaltung habe ich diese und ein paar weitere „kleine“ Übergriffigkeiten dieses Nachbarn in meiner Familie erzählt. Meine Mutter war entsetzt und meinte: jetzt verstehe ich, warum die Oma der kleinen Tochter - nach Sommerferien der Familie in ihrem Ursprungsland - das Kind bei sich behalten hat.

Niemandem hatte ich was gesagt als etwa 14-Jährige. Und ich habe als junge Frau auch nichts unternommen, als ein dienstvorgesetzter Pfarrer in anzüglichem Ton zu mir sagte: „Was ich von Ihnen wollen könnte, das bekomme ich ja nicht.“ Ich hatte ja keine Zeugen und sah bei diesem Chef sowieso keine andere Möglichkeit als sein ansonsten klerikales Machtgehabe zu ertragen oder zu gehen. Ich bin in beiden Fällen soweit möglich auf Abstand gegangen und habe mich eben selbst geschützt.

Warum erwähne ich das? Ich erwähne es, weil Sie, die Leserin oder der Leser möglicherweise auch betroffen sind und möglicherweise viel schlimmer. Eine Kollegin z.B. erzählte neulich, dass sie das Thema sehr umtreibe. In ihr kommen Erinnerungen an die Männer im Heimatort hoch, die sich vor ca. 30 Jahren vor allem im Karneval gegenüber Mädchen so verhalten hätten, dass man sie eigentlich alle hätte anzeigen müssen. Dann sagte sie noch: „Und ich denke auch an meinen eigenen Vater…“

Wenig später sprach mich eine Frau an, deren Mann als Junge von einem Priester missbraucht worden war. Weinend erzählte sie, wie sehr sie enttäuscht darüber sei, wie der zuständige Bischof damit umgegangen ist. Sich in der katholischen Kirche, der sie sich sehr verbunden fühlt/e noch weiter zu engagieren, das kann sie sich nicht mehr vorstellen - auch, weil das die Ehe belastet.

Statistisch gesehen sind, berücksichtigt man das Alter von 0-14 Jahren, von 2000 Leserinnen und Lesern fast 300 betroffen. Insgesamt gesehen sind es mehr Mädchen bzw. Frauen, im Bereich der MHG-Studie jedoch mehr Jungen bzw. Männer.

Was mir passiert ist, würde ich als „absolut nicht ok“ bezeichnen. Was mir von in ganz anderem Maße Betroffenen erzählt wird, ist oft einfach entsetzlich.

Vor einer Weile habe ich einer jungen Frau geholfen, das Manuskript ihrer Missbrauchsbiografie zu überarbeiten. Beim Lesen und Korrigieren kamen mir oft die Tränen und ich möchte ein Beispiel hier zitieren. Das Mädchen war damals etwa 4-5 Jahre alt, der Täter war der Stiefvater:

Meine Mutter war nicht da und er rief mich. Er fragte ob, wir uns Schneewittchen ansehen wollen. Natürlich wollte ich das. Er machte einen Film an. Und plötzlich sah ich einen Porno. Menschen, die wilde Orgien für die Kamera drehten. Mir wurde schlecht und ich wollte brechen und rannte zum Klo. Da kam er mir nach und schrie mich an. Er schrie: „Ich gebe dir jetzt mal einen Grund zum Kotzen.“ Und stellte mich mit den Füßen ins Klo, holte seinen Penis raus und pinkelte mir auf den Kopf und ins Gesicht. Ich übergab mich immer und immer wieder in alle Richtungen und er schubste mich immer wieder zurück ins Klo. Er lachte mich aus. Meine Mutter kam nach Hause. Ich hörte, wie sich der Schlüssel im Schloss drehte. Ich rief laut nach ihr. Sie kam ins Bad und schaute uns an. Mein Stiefvater ließ sich davon nicht beirren und machte einfach weiter. Sie schloss die Tür wieder und ging. Sie ging einfach. Ich weinte und schrie um Hilfe. Aber es kam wieder keiner. Das Geschrei von mir machte ihn so wütend, dass er ein Badehandtuch nahm, es komplett in Wasser tränkte, ein Stück Seife hineinlegte und einen Knoten machte. Dann stellte er mich in die Dusche und schlug damit auf mich ein. Ich glaube, ich wurde ohnmächtig.

Wenn nun jemand denkt, solche Grausamkeiten gab es aber doch bei Missbrauch innerhalb der Kirche sicher nicht, dann empfehle ich, die Studienergebnisse zu den Regensburger Domspatzen zu lesen. In den meisten Opferaussagen darin geht es zwar nicht zunächst um sexuelle Gewalt, aber um eine so zerstörerische Gewalt gegenüber kleinen Jungs der 3. Und 4. Klasse, dass einer z.B, schreibt: „Es war schrecklich – wie in einem Todes-KZ“. Und ein anderer erinnert sich an ein Erlebnis im Alter von ca. 9 Jahren in den 80er-Jahren: „[…] Bei anderen Strafen mussten wir nackt in seinem Zimmer auf Holzscheite knien, während er, wenn wir Glück hatten, sich selbst befriedigte. Wenn nicht, dann mussten wir ihn erleichtern. Damit das nicht herauskam, hat er immer wieder die Gleichen für diese sexuellen Handlungen hergenommen.

Am Sonntag nach der letzten Bischofskonferenz waren als alttestamentliche Lesung die Geschichte der Jünglinge im Feuerofen (Num 11) und als Evangelium ein Abschnitt aus dem 9. Kapitel des Markusevangeliums vorgesehen: „Wer einen von diesen Kleinen, die an mich glauben, zum Bösen verführt, für den wäre es besser, wenn er mit einem Mühlstein um den Hals ins Meer geworfen würde“.

In Frankfurt hat Stadtdekan Johannes zu Eltz darüber gepredigt. Dabei sagte er u.a.:

„Wenn wir die ‚Glieder, die uns zum Bösen verführen‘ nur bei den oder in den Tätern sehen und sie dort abgehauen sehen wollen, dann sehen wir zu kurz, dann schauen wir nicht richtig hin. Wir müssen mit einem furchtlosen Blick die strukturelle Sünde auch in der eigenen Organisation suchen, und wir werden dort fündig werden, wo fehlbare Menschen unumschränkte Macht ausüben können, und wo der institutionellen Sicherung dieser Macht gewissenlos und straflos Unschuldige zum Opfer gebracht werden. Das ist der Moloch, der Menschen frisst! Der goldene Götze in Babylon war nicht schlimmer als dieses Unwesen in der katholischen Kirche. Das ist ein Krebsübel am Leibe Christi, das uns das Mark aus den Knochen saugt und uns die Luft zum Atmen nimmt.“

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